Die Räder verschlammt, das Tretlager kaputt, doch Oliver Schmidt und Elena V. Poddubnaja kennen keine Erschöpfung. Zwei Jahre lang haben sie mit ihren Rädern die Welt erkundet und dabei 33.000 km zurückgelegt und 14 Länder gesehen. Weder Dauerforst noch russischer Wodka konnten sie stoppen. Von Brachstedt bei Halle ging es über Polen nach Moskau, in den Ural hinein nach Asien. Immer den nördlichen Polarkreis entlang. Durch die westsibirische Tiefebene, vorbei am Baikalsee, in die russische Taiga. Dann von Kamtschatka aus mit Boot und Paddel Richtung Alaska, durch die Rockies über Island nach Schottland, England und schließlich über Dänemark wieder zurück nach Hause, nach Sachsen-Anhalt.
Wie verrückt muss man sein, um mit dem Drahtesel einmal um den Erdball zu radeln, bei minus 40 Grad, gefrorenen Füßen und beißender Kälte? Manchmal, wenn einem kuschelig ist, stellt man sich das ja gerne vor: Irgendwo in Sibirien tief im Wald zu hocken, bei Ungewissheit und knackiger Kälte - nur, um sich hernach umso wohliger die Decke über die Ohren ziehen zu können, zuhause, im warmen Bett. Steckt man allerdings wirklich in der Taiga, ist die Decke nur ein Schlafsack, klamm und ziemlich kalt. Das Einzige, was einen dann noch umgibt, ist die endlose Tiefe der Taiga und der sternenklare Winterhimmel über einem.
In Wladiwostok, hinterm Ural und vorm großen Meer herrscht eben ein ganz eigener Blues, und Oliver Schmidt und Elena V. Poddubnaja haben ihn mit ihrer Kamera eingefangen. Die und der nimmermüde Akku waren steter Begleiter. Ob auf der Straße der Knochen im fernen Osten, in Nordamerika oder auf der isländischen Atlantikinsel mit ihren Schotterpisten und Geysiren. Besonders jedoch bleiben das russische Gemüt oder die ersten sibirischen Sonnenstrahlen in Erinnerung. Und die Neugierde der Menschen dort, die man fast schon kindlich nennen könnte. So dauert es keinesfalls lange, bis die ersten russischen Medien die beiden zum Interview bitten oder Schulen zum Vorstellungs- und Diavortrag laden. Auch die russische Gastfreundschaft ist so endlos wie die Steppe. Von einer etwas älteren Dame bekommen sie Mütze, Schal und Socken - schlicht eine ganze Winterausrüstung. Einfach so, es ist ja kalt. Und fast immer wird mit klirrenden Gläsern Wodka eingeschenkt, damit auch die Seele nicht so friert.
Es ist für den Daheimgebliebenen schwer vorstellbar, was Wildnis eigentlich bedeutet. Dass man Lebensmittel lieber auf dem Dach verstaut, damit Bären und andere Tiere sie nicht finden. Oder, dass befahrbare Straßen der reine Luxus sind und nur in Großstadtgegenden so etwas wie Infrastruktur den Reisenden umfängt.
Oliver Schmidt und Elena V. Poddubnaja wandelten mit ihrer Reise auf den Fährten Georg Wilhelm Stellers, eines deutschen Naturforschers, der einst mit Vitus Bering Kamtschatka erkundete. Die beiden Nachahmer haben bei ihrer Exkursion auf jeglichen Komfort und moderne Reisetechnik verzichtet. Die klaren ruhigen Bilder erzählen davon, genauso wie die eher einsilbigen und prägnanten Kommentare Oliver Schmidts. Die Strapazen sind dann wie weggeblasen. Ob Reis mit Rosinen, Schlafsack und Wodkapulle, Grizzlys und Gletscher - Schmidt und Poddubnaja haben alles so eingefangen, wie es eben dalag. Ein eindrucksvolles Portrait ist so entstanden, das von einer unfassbaren Landschaft kündet - die unsereiner freilich nie zu Gesicht bekommen wird. |