Reiseberichte







Es lebe die Arbeit

Online Reisebericht Teil 1

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Mi, 18.03.2005 | 22:00 Uhr

Abgefahren

Eines Mittwochs im Januar, als der Winter am tiefsten haette sein sollen, setzte ich mich auf Fahrrad und fuhr los. Richtung Osten. Es war schon Mittag, die Sonne waermte mein Gesicht und eine Totenstille lag ueber Brachstedt, einem kleinem Dorf im Anhaltinischen. Lange hatten wir auf diesen Augenblick hingearbeitet und mindestens genau so oft wurde er hinausgezoegert. Gruende fanden sich immer. Visaangelegnheiten, finanzielle Probleme, nicht zuletzt erschien das Vorhaben unmoeglich, die Erde mit Fahrrad und Kajak in noerdlichen Hemisphaeren umrunden zu wollen. Erste Kreuzung rechts, leicht Anhoehe steile Abfahrt, und ich war weg. Endlich. Unterwegs. Was wirklich noetig war, oder ich dafuer hielt, steckte in nagelneuen Taschen, den trostlichen Ballast und die Bedenken lies ich zurueck. Der ungeheuerliche Gedanke um die Welt zu fahren befluegelte mich. Zumindestens bis es die ersten Huegel zu bewaeltigen galt, und ich mir schnell bewusst wurde das es in den naechsten Monaten nicht einfach werden wuerde. Aber was sollte uns passieren ? Wir werden schliesslich zu dritt unterwegs sein. Lena war bereits in Polen, da die lokalen Behoerden nicht faehig gewesen waren ihr deutsches Visa zu verlaengern. Begleiten wird uns auch Georg Wilhelm Steller (1709 - 1746), dessen Lebens- und Reiseweg wir bis Alaska verfolgen werden. Sein Geburtsort, Bad Windsheim in Franken, war somit auch der offizielle Anfangspunkt dieser Reise.

Am ersten Tag auf der Strasse passierte nicht viel, ausser das alle vier Jahreszeiten in einem Tag gebuendelt ueber mich hereinbrachen. In Moni's Imbiss an der Goitsche bekam ich vermutlich die letzte Thueringer Rostbratwurst fuer lange Zeit. Sie wollte plaudern, ich murmlte etwas von laengerer Radtour und lies sie stehen. In Wittenberg passierte ich die Elbe und einen wichtigen Lebensabschnitt in Stellers Leben. Er verbrachte hier die Jahre von 1729 bis 1731 mit dem Studium der Theologie. Desweiteren erlernte er moderne Sprachen, besuchte Vorlesungen ueber Politik, Ethik, Anatomie und Rechtswissenschaften. Ich packte hier die Regensachen aus und fuhr aufs Geradewohl in ein Gewitter hinein.

Spaet am Abend traf ich bei meinem Freund Andre in Berlin ein, und der erste Kreis began sich bereits zu schliessen. War er es doch, der auch am Anfang meiner letzten grossen Reise durch Russland stand und durch dessen Hilfe mein Visum verlaengert wurde. Ich war froh den ersten Abend unterwegs nicht allein im Zelt verbringen zu muessen.

Dicke Regenwolken trieben mich am naechsten Tag aus Berlin. Am oestlichsten Ende der Haupstadt waermte ich mich in Ali's Doener auf, und gerate in eine nachmittaegliche Stammtischrunde hinein. Faehrste wohl weit, wa? fragte mich der Kolleje und deutete dabei auf das bepackte Fahrrad. Um den Nordpol sagte ich, und spuerte seinen festen Griff am Handgelenk und eine Alkoholfahne wehte mir ins Gesicht. Willste mich wohl verarschen, wa? Ein Zeitungsartikel der Mitteldeutschen mit der Schlagzeile "Um die Welt" beschwichtigte und brachte mir Schulterklopfen, gute Ratschlaege und zwei Kurze ein. Na allet jute, bekam ich noch mit auf den Weg und war wieder weg. Durchs Maerkische an der Spree entlang Richtung Osten nach Briesen, wo ich schon Tage vorher von Dirk, einem interessierten Reisenden zu einer Rast eingeladen wurden war. Er hatte von unserem Vorhaben aus einer Berliner Tageszeitung erfahren und versucht uns schon in Brachstedt zu verabschieden, jedoch zu einem Zeitpunkt als wir noch lange nicht abreisefertig waren. Nun lies er es sich nicht nehmen mir die 30 Kilometer bis nach Slubice Gesellschaft zu leisten und mit seiner Fahrradlampe Licht zu spenden.

Donnerstag Nacht ueberquerte ich die Oder nach Polen, und niemand interssierte sich fuer mich. Noch einmal drehe ich mich nach Deutschland um, wo die Frankfurter Plattenbauten hell erleucht strahlten. Der Regen klatschte mir ins Gesicht und ich sagte leise "Auf Wiedersehen".

Unzaehlige Kioske, die sich auf einen preisorientierten deutschen Kundenstamm eingerichtet haben, saeumen die Strassenzuege in Slubice und nach wenigen Kilometern tauschte ich meinen leuchtenden Mitreisenden gegen Elena Vladimirovna Poddubnaja aus Kamtschatka ein. Nicht der schlechteste Tausch.

Den Grenzort Slubice verlassen wir am naechsten Morgen und machten die angenehme Erfahrung das der Verkehr nach dem Passieren der Grenze nachgelassen hatte. Es roch nach Schnee und ein kalter Nordwestwind machte das Vorankommen schwer, muessen wir doch um auf die Strasse nach Gdansk zu gelangen zuerst nach Norden radeln. Von Kuestrin Richtung Nordosten folgten wir der erschreckend geraden Fernverkehrstrasse 22 nach Gdansk, die durch endlose maerkische Kiefernwaelder durchsetzt mit russischen Birken fuehrt. Nach einigen Tagen wechselte die Szenerie am Strassenrand, und es ueberwogen Buchen und ausgedehnte Felder und Wiesen. Dagegen schien das Desinteresse der polnischen Bevoelkerung an uns unveraendert. Wir hatten das Gefuehl gemieden zu werden. Vom Regen durchnaesst und vom Strassendreck verkrustet wunderte dies auch nicht wirklich - Landstreicher. Beim Einkaufen in Supermaerkten wurden wir oft auf Schritt und Tritt von Waechtern begleitet und wenn wir das Erstandene gleich an Ort und Stelle im Laden verspeisten, sehr argwoehnisch beobachtet. Wir sahen scheinbar nicht sehr zahlungsfaehig aus. Einige Tage vor Gdansk in dem kleinen Ort Czersk hatte uns der Winter entgueltig eingeholt. Die Naechte brachten Neuschnee und die Temperaturen lagen bei zehn Grad unter Null. An den Vormittagen bedeutete dies immer Rutschpartien und Stuerze auf den spiegelglatten Strassen, an Nachmittagen wenn die Temperaturen ueber den Gefrierpunkt stiegen, kalte Naesse und die von vorbeirasenden LKW's verpasste Gischt.

Das Ende der ersten Woche unterwegs, bescherte uns Gdansk an der Ostsee. Unser erster verdienter Ruhetag. Nutzen die Gelegenheit in den lokalen Museen nach Spuren von Georg Wilhelm Steller zu suchen und besuchten den alten Hafen, wo er im Herbst des Jahres 1734 seine Seereise mit einem russischen Krankentransport nach St.Petersburg antrat.

Wir waehlten den Landweg Richtung St.Petersburg, auch aus Mangel an Schiffspassagen ueber die Ostsee. Durch die Masuren, mit tief verschneiten Waeldern, tausenden gefrorenen Seen auf den Angler die Sonntagnachmittage an Eisloechern zubringen. Langsam begannen wir uns mit der Kaelte zu arrangieren und das Unterwegssein zu geniessen. Die Abende verbringen wir am Lagerfeuer und alle drei bis vier Tage leisteten wir uns ein billiges Hotel um Zelt und die komplette Ausruestung zu trocknen. Schlafen wir im Wald trockneten wir Schlafsaecke und Isomatten jeden Morgen am Lagerfeuer, dementsprechend streng riechen sie mittlerweile auch. In der letzten Nacht die wir in Polen verbrachten, bekamen wir ungebeten Besuch. Weit ab von jeder Ortschaft hatten wir im Wald unser Lager aufgeschlagen. Das Feuer brannte schlecht, weil das Holz durch das bestaendige Tauwetter komplett durchnaesst war. Es reichte fuer eine Nudelsuppe und einen Tee, spendete aber kaum Waerme und lud nicht zum langen Verweilen ein, sodas wir zeitig in den Schlafsaecken waren. Geweckt wurden wir durch das knarzen und quitschen von Schnee. Instinktiv griffen wir zu den Waffen. Lena die Thermosflasche. Ich das Stativ und das Messer. Die Schritte umzingelten das Zelt, in Kreisen die enger zu werden schienen. Verweilten neben dem Zelt.  Ruhe ... Schnueffeln in unserer Kopfhoehe. Ein Tier ? Den Geraeuschen nach ein schweres, grosses Tier. Ein Wolf ! Wir bewegen uns ruckartig im Zelt was ihn vertreibt. Lange lauschen wir den Geraeuschen im Wald nach und schlafen darueber ein. Erst der naechste Morgen bringt Gewissheit: der Schnee und das Zelt ist von Wolfsspuren uebersaet.

Im weissen Russland

Die Einreise nach Weissrussland war unproblematisch. Wir waren dreckig und nass, das keiner der Beamten Lust verspuerte sich die Haende an unserer Ausruestung zu beschmutzen. Der Zoellner deutete mit den Finger auf einzelne Radtasche was ist das ? was ist dort drin ? Stempel auf die Zollerklaerung und gute Reise ! Das Wetter war schlecht. Regen. Riesige Pfuetzen standen auf der breiten Сhaussee und verbargen geschickt ihren Zustand. Alles fluchen half nichts, der Autoverkehr draengte uns an den rechten Strassenrand und in die tiefen Loecher. Aaahhh. Die erste Stadt Grodno zeigte sich ebenfalls nicht von ihrer besten Seite. Die Kanalisation der Stadt ist mit dem Niederschlaegen voellig ueberfordert, was Fahrzeuge nicht daran hindert die Geschwindigkeit zu reduzieren. Riesige Wasserfontainen machen alles nass, was es nicht schon ist. Fussgaenger geben nach und weichen geschickt aus. Stoerrische Radfahrer bekommen was sie verdienen. Trozdem beschliessen wir die Nacht in Grodno zu verbringen. Alle Hotels der Stadt stellten sich als reichlich ueberteuert heraus. Eine Preistafel an der Rezeption verkuendet die Preise fuer Weissrussen, Russen und Auslaender. 20 $. 50 $. 70 $. Die Anordung des kleinen Diktators Lukaschenko Auslaender zu schroepfen, nehmen einige als Anlass die Zimmersuchenden direkt vor den Hotels abzufangen und mit nach Hause zu nehmen, fuer einen Bruchteil der offiziellen Preise. Wir landen in einer Plattenbauwohnung in der siebten Etage.

Nach Osten weite russische Magistralen werden zur Regel. Doerfer, mit einfachen Holzhaeusern und Namen wie Pobeduj (Sieg) oder Krasnaja Oktjabr (Roter Oktober) auch und liegen meist abseits der grossen Strassen und erschwerten es uns an Lebensmittel zu kommen. In besonders kalten Naechten klopften wir mehrmals an windschiefe Tueren in weissrussischen Doerfern und baten fuer eine Nacht bei ihnen unterkommen zu duerfen. Oft bekamen wir aus fadenscheinigen Gruenden eine Abfuehr, manchmal gestanden die Bewohner Angst vor uns zu haben. Immer fuhren wir weiter und haben es nie bereut obwohl wir dann meist doch irgendwo im Wald schliefen. Einmal, es war in Perschai einem kleinen Dorf kurz vor Minsk, versuchten wir unser Glueck wiedereinmal, da der angrenzende Wald einer Hauptdurchgangsstrasse von Woelfen glich. Hier nahmen uns Jura und seine Freunde auf. Juras Familie die in der Stadt lebten nutzten die Huette im Sommer als Datsche und er traf sich mit seinen Freunden hier wenn sie leerstand. Sie waren zu viert und keiner aelter als 18. Natuerlich gab es Wodka, der beste in Weissrussland und Stolz unserer Gastgeber. Da stoerte es auch nicht das er in einer dreckigen Plasteflasche schnell von irgendeinen Nachbar besorgt wurde. Nebenher liefen amerikanische Komoedien auf Video. Spaet in der Nacht, nachdem wir es uns im breiten Ehebett bequem gemacht hatten, das durch ein grossen Schrank zur Rechten und einen russischen Ofen am Fussende von restlichen Raum getrennt war, wurden von unseren Gastgebern die deutschen Videos der untersten Schublade eingelegt. Nun war auch klar woher die deutschen Phrasen stammen. Das ist phantastisch.

Auf maechtigen mehrspurigen Chausseen radeln wir durch eine weite, flache Ebene nach Minsk. Vorbei an ueberdimensionierten Propagandawerken des Sozialismus. Gigantische abstrakte Monumente rufen den Reisenden zu: Slava Trudu ! Es lebe die Arbeit !

Minsk ueberraschte unerwartet. Selten sahen wir eine entspanntere und beeindruckendere Hauptstadt als die Weissrussische. Strukturierter Groessenwahn dominiert die Stadt. Stalinistischer Monumentalismus. Monstroesse Strassenzuege, Republikpalaeste, Siegesplaetze scheinen fuer die Bevoelkerung, die sich hier zu verlieren droht, voellig ueberdimensioniert. Dennoch verleihen sie der Innenstadt etwas leichtes und belebendes. Selten zuvor war ich von Staedten so angetan wie von Minsk, zweifellos eine Schoenheit.

Von Minsk orientieren wir uns nach Norden, passieren Lepel und statten Bekannten in Vitebsk, unweit der russischen Grenze, einen kurzen Besuch ab. Aus einer geplanten Uebernachtung werden drei, da Lena einige Tage Ruhe braucht und weil wir sehr interessant Gastgeber haben. Natascha und Igor sind Kuenstler und sie oeffnen uns die Augen ueber ihr Land. Hatten wir waehrend der Reise durch Belarus oft nur Kontakt mit einfacheren Leuten, die mit dem System Lukaschenkos zufrieden waren, da er die Grundbeduerfnisse, wie Arbeit und billige Lebensmittel stillte, traffen wir nun Menschen die dem Regime kritisch gegenueber standen. Die Vergoetterung des kleinen Diktators nimmt oft aberwitzige Formen an. So konnten wir in einer Zeitung lesen wie gut Lukaschenko sich ernaehrte um ein guter Weissrusse zu sein, und man sich dies von allen Buergern ebenfalls erhoffte.

Wir waren zu kurz in Weissrussland um uns ein objektives Urteil erlauben zu koennen, doch allen Prognosen zum Trotz, ist dieses Land, mit oder ohne Diktator - vor allem die Hauptstadt Minsk ein Besuch wert.

Dobro Poschalovatch !

Ein monstroeser Betonklotz am Strassenrand von dem die Farbe der russischen Flagge blaetterte verkuendete das wir soeben die Grenze nach Russland ueberquert haetten. Von den weissrussischen Zoellnern fehlte jede Spur. Wir schlaengelten uns durch eine dichte stinkende Lasterwagenkolone bis zu einem Schlagbaum, an dem laessig und rauchend zwei russische Milizionaere lehnten. Wohin? und Woher? wurden wir ueberaus freundlich gefragt und sofort in das uebliche Frage-Antwort-Spiel verwickelt. Passkontrolle? Keine Spur. Stempel? Nicht fuer Fahrradfahrer tja, wenn ihr ein Auto haettet, aber ein Fahrrad "Stempel njet". Alle Versuche sie umzustimmen und mir einen Stempel zu geben schlugen fehl, und als wir ihnen laesstig wurden, verjagten sie uns. Ididje !

Ein Tag spaeter in Pustoschka, der ersten russischen Stadt, versuchten wir bei der lokalen Passbehoerde einen Einreisestempel fuer mich zu bekommen, und sorgten dabei fuer Verwirrung. Keinen Stempel an der Grenze ? Unmoeglich. Fahren Sie zur Grenze zurueck oder besser nach Moskau ! Willkommen in Russland ! Verstauten unsere Raeder in einem kleinen Hotel und versuchten ueber drei Stunden im heftigen Schneetreiben die 80 Kilomter zurueck zur Grenze zu trampen. Erfolglos. Letztendlich nahmen wir den Bus am Abend. Die Grenzbeamten waren wenig erfreut uns schon wiederzusehen, und entsprechend wurden wir auch behandelt. Das "Stempel njet" fiel nun schon aggresiver aus. Bei den Zollbeamten hatten wir mehr Glueck, liessen sie sich doch ueberreden mir wenigstens eine Zollerklaerung abzustempeln, und ich somit nachweisen kann an der Grenze gewesen zu sein. Nach drei Tagen, auf heftig verschneiten Strassen, erreichen wir die Bezirkshauptstadt Pskov und beschlossen, um weitere Problemen vorzubeugen, das ich Russland nochmal erlassen muss um mir einen Einreisestempel zu besorgen. Lettland ist nur 60 Kilometer entfernt, sodas ich Lena mit der Ausruestung in Pskov zurueckliess und mit den Bus zur lettischen Grenze fuhr. Hier liessen mich die Russen nicht raus, weil die Grenze nur fuer Bewohner der Anrainerstaaten geoeffnet ist. Der freundliche Grenzbeamte besorgte mir aber eine Mitfahrgelegenheit zur Grenze nach Estland. Hier hatte ich mehr Glueck. Der estonische Hochsicherheitstrakt verdeutlichte das hier das westliche Europa endet und der ungeliebte wilde Osten beginnt. Die Prozedur auf der russischen Seite dauerte fast eine Stunde. Kein Wunder, ohne Stempel im Visa. Ich war verdaechtig und zog es vor kein Russisch zu verstehen. Es folgten viele Telefonate, mein Pass wurde herumgereicht, die Mittagspause rueckte naeher und raus war ich. Das ich nach zehn Minuten in Estland wieder vor ihnen stand machte mich noch verdaechtiger. Das Prozedere wiederholte sich erneut, doch diesmal kamen sie nicht umhin einen Stempel in meinen Pass zu druecken.

Die Magistrale M20 nach St. Petersburg ist die Haupttransitroute zwischen den Baltischen Staaten und Russland und dementsprechend belebt. Alles schien hier schneller zu sein als in Weissrussland. Die schwer beladenen LKW's, die rasenden Luxuskarossen und sogar die Menschen wirkten bei weiten nicht so entspannt wie die Weissrussen. �Viele der Haeuser entlang der Magistrale sind vernagelt und die wenigen bewohnten Huetten haben auch schon bessere Zeiten gesehen. In Pokrovka einen kleinen Dorf unweit von Petersburg wollten wir nur aus einem Brunnen Trinkwasser entnehmen und wurden von einem alten Ehepaar abgefangen. Es sei zu spaet um noch weiterzufahren, sagte die Babuschka, wir sollen doch bei ihnen uebernachten und etwas Geld fuer Wodka geben. Nach kurzem Zoegern willgten wir ein. Die verlangten 20 Rubel setzten sie gleich in einen halben Liter Schnaps um, den der alte Mann mitten in der Nacht irgendwo auftrieb. Wir bekamen eine undefinierbare lauwarme Suppe, die wahrscheinlich vor einigen Tagen einmal frisch gewesen sein muss, und einen riesigen Pott Schokoladenpaste vorgesetzt. Das wir den Wodka nicht mittranken verziehen sie uns, so konnten sie sich gegenseitig auch besser beobachten das keiner von ihnen weniger als der andere im Glas hatte. Warum der Alkohol ihre scheinbar einzigste und letzte Alternative ist, versuchen wir in Laufe des Abends erfolglos herauszubekommen. Der nicht vorhandene Hausstand deutet darauf hin, da alles was Geld brachte schon laengst in Wodka umgesetzt wurde. Erstaunlicherweise gab es eine Innentoilette. Die Babuschka zeigt Lena im Nebenzimmer auch wie sie funktioniert. Angetrunken kippt sie den halbvollen Eimer um, und der Inhalt ergoss sich in die Rumpelkammer in der wir uebernachten sollten. Je mehr sie tranken, um so aggresiver wurden sie. Die Babuschka fiel nach einigen Stunden auf den Diwan in der Kueche in einen unruhigen Schlaf, waehrend der Alte noch ein wenig polterte, groellte und dann mitten in der Kueche auf den Boden ins Koma sank. Wir schliefen unruhig, da man die Haustuer nicht abschliessen konnte und die Raeder in der Veranda standen. Um ein Uhr Nachts hoeren wir deutlich Schritte im Schnee, jemand schlich ums Haus. Der Alte merkte es auch und faengt wieder an zu poltern und seine Frau lautstark zu verfluchen. Die ganze Nacht schlafen wir nicht richtig, immer sprungbereit das Weite zu suchen. Im Morgengrauen koennen wir uns um das angebotene fluessige Fruehstueck druecken und fahren mitknurrenden Maegen nach St.Petersburg.

Mein Name ist Oliver Schmidt

Wir verbrachten eine Woche in St.Petersburg bei Freunden und wandelten auf den Spuren von Steller. Fuer ihn war Pieter, wie die Russen ihre Stadt liebevoll nennen, eine wichtige Station in seinen Leben. Im November 1734 kam er mit dem Schiff in die neue russische Hauptstadt und fand Aufnahme im Hause des Erzbischofs Feofan Prokopowitsch. Er war in der Akademie der Wissenschaften beschaeftigt, wo ihm auch zugetragen wurde das die 2. Kamtschatkaexpedition durch weitere Wissenschaftler verstaerkt werden sollte. Steller bewarb sich um die Teilnahme an der Expedtion, die wissenschaftlich von Johann Georg Gmelin und Gerhard Friedrich Mueller geleitet wurden, und das Ziel hatte den wenig bekannten Osten des Russischen Reiches zu erforschen.

Wir besichtigen die Akademie der Wissenschaften, besuchen Stellers wohl bekanneste und spektakulaerste Entdeckung, die Stellersche Seekuh, die auch unserer Logo waehrend der Terracirca Expedition ziert. Leider waren in der Abteilung des Zoologischen Museums gerade Renovierungsarbeiten, das wir das gute Stueck nicht in voller Groesse betrachten konnten. Das Archiv der Akademie der Wissenschaften, in dem vor wenigen Jahren die orginalen Tagebuecher Stellers gefunden wurden, blieb fuer uns vorerst verschlossen, weil wir den benoetigten Protpus nicht vorweisen konnten.

In St.Petersburg traff ich alte russische Bekannte wieder, die ich im vorletzten Herbst im Base Camp des Mount Everest in Tibet getroffen hatte. Nennen wir sie in den folgenden Text der besonderen Situation angemessen, Boris und Ivan, sie luden uns zu einem Abendessen in eines der besten Restaurants St.Petersburgs ein und sie ebneten uns waehrend diesen Abends mit einigen Telefonaten den Weg durch Russland. So kennen wir nun den Chef des Nationalparkes von Chukotka, der sicher bei der Beschaffung des Permit behilflich sein wird, wir erhielten eine fuer uns verantwortliche Kontaktperson in Moskau, diverse Praesente wie Kamera, Hydroanzug zum Kajakfahren und Bares. Als Dankeschoen habe ich spaeter das leckere Essen vom Restaurant schoen gleichmaessig im Sportauto von Boris verteilt.

Der Schaedel paste nicht durch die Tuer als ich am naechsten Tag gen Moskau losradelte. Lena blieb noch in Pieter und kam mit den Zug nach Moskau hinterher, da sie in den letzten Tagen mit dem Rad in einer Strassenbahnschiebe haengengeblieben war und seitdem Probleme mit dem Knie hatte. Ausserdem hielten wir es fuer besser wenn sie sich schnell um die benoetigten Visa kuemmert. Sie hatte nichts verpasst, denn die M10, die Magistrale Rossija, ist wohl die gefaehrlichste Strasse in ganz Russland. Alle paar Sekunden rast ein Lastzug im Zentimeterabstand an mir vorbei. Es macht mich wuetend und oft schrei ich meinen Frust ueber soviel Ignoranz lauthals heraus. Fast jeden Kilometer dieser miserablen Strasse mahnen makabere Grabmale und Gedenktafeln an die Verblichenen. Die Landschaft nehme ich kaum wahr, werde zur Maschine und spule mein Tagespensum von 150 Kilometer herunter, schleife das Rad durch hohen Schnee am Abend nur wenige Meter von der Magistrale weg und lege mich schlafen. Es ist kalt allein im Zelt, sodas ich morgens frueh schnell wieder unterwegs bin um die steifgefrorenen Knochen aufzuwaermen, um wieder den gleichen Film wie gestern von neuen abzuspulen. Nach sechs Tagen und einen Kilometerstand von ueber 3000, bin ich in Moskau, stehe mit dem Rad auf zehnspurigen Strassen im Stau und schlucke jede Menge Abgasse. Ueber drei Stunden brauche ich vom aeussersten Rand der russischen Haupstadt bis zum Roten Platz. Dort melde ich mich bei meiner Kontaktperson, die wir hier Natascha nennen: Piep. Piep. Piep. Hallo ? Hallo. Mein Name ist Oliver Schmidt. Was kann ich fuer Sie tun Herr Schmidt ? Ich brauche eine Uebernachtung in Moskau. Ulitza Petrovska 16, Ihr Hotel heisst Marriott Aurora Lux, Sie sind bereits eingecheckt. Danke. Bitte, melden Sie sich, egal zu welcher Tageszeit, wenn ich irgendetwas fuer Sie tun kann. Danke. Piep. Piep. Piep.

Mein Auftritt im Luxushotel, das nur einen Steinwurf vom Roten Platz und dem Bolschoj Theater entfernt liegt, war filmreif. Fast eine Woche hatte ich mich nicht gewaschen, ich stank vermutlich und vom Rad tropfte ein matschiges Schnee-Dreck-Oel-Gemisch auf den roten Teppich. Schnell war ich von Sicherheitsbeamten umringt und wurde in barschen Ton gefragt ob ich mich im Hotel geirrt haette. Es verschaffte mir Genugtung das diese Typen dann spaeter mein Fahrrad in die beheizte Garage bringen muessten. Lena kam noch am selben Abend ins Hotel und wir haben es die naechsten zehn Tage ordentlich krachen lassen und eine fuenfstellige Summe amerikanisches Geld verbraten, nicht in bar natuerlich, ich zahl mit meinen guten Namen. Wenn die Moeglichkeit bestanden haette das Geld ausgezahlt zu bekommen haetten wir sicher auch irgendwo unser Zelt ausgebaut, an der Uni zum Beispiel gibt es ja einen schoenen ebenen Platz, aber die Moeglichkeit bestand leider nicht. Trotzdem haben wir unser Lager dort mal aufgebaut, um das neue Zelt einmal auszuprobieren. Unser altes Zelt, mit dem wir in Deutschland starteten, ist schon Opfer der tiefen Temperaturen von 25 Grad unter Null in Weissrussland geworden. Schoen das die Zusammenarbeit mit den tapir in Leipzig funktioniert und wir nun ein neues Zuhause haben. Ueber die Raeder gibt es nicht viel zu sagen. Da im russischen Winter tausende Tonnen Streusalz zum Einsatz kommen, ist das Rad oft mit einer dicken Salzkruste bedeckt., was sie aber bisher gut abkoennen, was anderes hatten wir auch nicht erwartet.

Lena hat bereits das kanadische Visa bekommen und hat in wenigen Tagen ein Interview im Konsulat der USA. Die Antraege fuer das Permit fuer Chukota und der Querung der Beringstrasse sind in die Wege geleitet, koennen aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Wir sind sehr guter Dinge und sehnen uns, nach all dem fetten Luxus der letzten Tage, auf ein Lagerfeuer im Winterwald mit Tuetensuppe.

Die Reise hat mittlerweile Formen angenommen, die ohne die Hilfe von Freunden, Familie, Sponsoren und Natascha schwer zu realisieren waere. Verdeutlichen koennen wir das am Transport von unseren Equipment nach Moskau. Allein vier Leute haben wir damit beschaeftigt: Harald brachte es zu Gudrun nach Halle, welche es mit zu Ha-Jue nach Eisennach nahm, welcher es Torsten in Frankfurt ueberreichte und dieser es dann mit nach Moskau brachte. Allen sei herzlich gedankt !

Schastlivo,

Lena und Oliver



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